Thinderella aus dem Netz

Von Barbara Hans

Sie huldigen dem Hunger, tauschen Tipps zur Selbstkasteiung und empfinden sich nicht als krank. Internet-Foren sind der Treffpunkt der "Pro Ana"-Bewegung, die sich nach außen abschottet. Magersucht für Fortgeschrittene - ein Streifzug durch die bizarre Welt essgestörter Mädchen.

Fallen Angel hat braune Augen, dunkle Haare, mag Ska und ihren Computer. Sie möchte mal nach Japan reisen und studieren, trifft sich gern mit Freunden, hat aber gerade keinen Freund. Dafür eine besonders gute Freundin: Ana.

 

Thinspiration: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen"
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Thinspiration: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen"

Ana ist immer da, verspricht viel - und macht abhängig. Ana tummelt sich im Web. Wer sich zu ihr bekennt, ist "Pro Ana" - und essgestört. Denn Ana ist ein schönes Wort für eine schlimme Krankheit: Anorexia Nervosa, Magersucht. Ana begleitet Fallen Angel schon seit mehr als zwölf Monaten, redet ihr ins Gewissen, will beachtet werden.

Ana hat im Internet ihre eigene Welt. Die ist meist rosa und etwas kitschig, in ihr gibt es Elfen, Engel, Feen, Libellen - märchenhafte Flügelwesen aller Art. Sie symbolisieren die Leichtigkeit, mit der Ana lockt. Ein Versprechen für die Zukunft, in der die Beckenknochen hervorstehen und sich zwischen den Oberschenkeln eine ansehnliche Lücke gebildet hat, in der die Kilos verschwunden sind. Und mit ihnen die Probleme.

Bis dahin aber ist der Weg hart, schwer, gnadenlos. Er zwingt Anas Freundinnen auf die Knie und vor die Kloschüssel. Animiert sie, Kalorien zu zählen, den Hunger zu ignorieren und Essen als Charakterschwäche anzusehen: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen." Deshalb gibt es auf den Pro-Ana-Seiten im Internet Listen mit Lebensmitteln, die man als Anas Freundin noch essen darf. Und Tipps, wie keiner merkt, dass man es völlig okay findet, in Unterwäsche auf- und abgehend vor einem Spiegel zu essen.

Feen regnen vom rosafarbenen Seitenhimmel

Die Pro-Ana-Bewegung ist in den neunziger Jahren in den USA entstanden und auch in Deutschland heimisch geworden. Die Zahl der deutschen Pro-Ana-Seiten ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Wie viele Seiten und Aktive es gibt, ist aber unklar. Immer wieder werden Foren von Betreibern geschlossen, immer wieder werden Homepages unter neuem Namen und an anderer Stelle wieder eröffnet. In den Foren und Blogs tauschen sich vor allem Mädchen und junge Frauen aus, meist zwischen 12 und 20 Jahren. Sie nennen sich selbst Anas, in Anlehnung an den Namen der Bewegung.

 

Damit Anas Freundinnen die Botschaft begreifen, gibt es auf allen Seiten die gleichen Standards: einen Brief, in dem Ana sich vorstellt, ein Motivationsschreiben für alle, die zweifeln, einen Steckbrief mit Angaben zu Größe, Höchst-, Tiefst-, derzeitigem und angestrebtem Gewicht der Betreiberin. In ihrer virtuellen Welt wird Ana zur Religion: mit Psalmen, einem Glaubensbekenntnis, zehn Geboten und Gesetzen.

Paragraf drei zum Beispiel regelt das Essverhalten und legt fest, dass "Wasser stets nur in Dreier-, Fünfer- und Zehner- Schlucken getrunken werden darf und jeder Bissen mindestens zehn Mal gekaut werden muss". Außerdem gibt das Ana-Gesetz Tipps - je kleiner der Teller, desto größer wirken die Mahlzeiten. Paragraf fünf verdeutlicht, was Ana wirklich will: Abschottung. "Dieser Name/Begriff wird nicht in Gegenwart anderer Nicht-Anas erwähnt oder geschrieben", heißt es da.

Ab- und Ausgrenzung sind Anas Prinzipien. Ana hat eine eigene Symbolik mit eigenen Farben und eigenem Schmuck: Insider erkennen auf den ersten Blick, ob man hungert oder das Essen wieder erbricht, ob man sich selbst verletzt, depressiv ist oder in Therapie.

"Ana ist weniger ein Lebensstil als ein Lebensweg"

Auf Pro-Ana-Seiten häufen sich Gewichtstagebücher, -wettbewerbe und -ideale. Obendrein gibt es Abnehmtipps, Durchhaltetipps, Geheimhaltungstipps, Slogans. Und "Thinspirations"-Fotos von Models oder anderen Frauen, die das haben, wovon Anas träumen: sich abzeichnende Schlüsselbeine und Rippen. Zur Abschreckung dienen "Fatspirations", Bilder von krankhaften Fettmassen. Im Hintergrund regnen kleine Feen vom Seitenhimmel und streuen ihren Staub auf die rosafarbenen Gewichtsfantastereien.

Es ist eine fremde, verquere Welt. Viele Foren sind mit einem Passwort gesperrt. Die hinein wollen, müssen in der "Wartehalle" den Moderatoren ausführlich und glaubwürdig genug darlegen, dass sie Ana genug sind, um mitzumachen - und nicht nur eine der zahlreichen "Wanarexics", der Möchtegern-Essgestörten. Bei Pro Ana geht es, wie auch in der Realität der Essgestörten, vor allem um eins: strikte Kontrolle.

Anas Freundinnen sprechen nicht gern darüber, was sich im Netz abspielt. Aus der Welt der poetischen Namen auftauchen wollen sie schon gar nicht. Fallen Angel ist bereit, Fragen per E-Mail zu beantworten. Sie hofft, dass die Leute dann etwas besser verstehen, was die Bewegung für die Beteiligten ausmacht.

Pro-Ana zu sein bedeute, sich "für die Krankheit entschieden zu haben", schreibt Fallen Angel. Wichtig für die Seiten seien weniger die Gebote und Gesetze ("das ist Quatsch") und die anderen "Standards" als der Austausch und gegenseitiges Verständnis. Ana sei weniger ein Lebensstil als ein "Lebensweg": "Wir Magersüchtigen sind uns sehr wohl darüber im Klaren, dass wir krank sind, und wir wissen auch, dass man an Magersucht sterben kann, aber wir versuchen, damit zu leben." Man rede in den Foren zwar über das Abnehmen, animiere sich aber nicht, sich "zu Tode zu hungern".

"Wir wollen irgendwie magersüchtig sein" - warum die Anas sich nicht als krank empfinden und Hilfe ausschlagen

Fallen Angel möchte mit ihrer Homepage "andere informieren" und "aus ihrem Leben erzählen". Dass das Informieren auf vielen Pro-Ana-Seiten im Wettkampf um das niedrigste Gewicht endet, ist typisch für die Krankheit. Magersüchtige leiden unter extremem Erfolgsdruck: Nur wer diszipliniert hungert, ist etwas wert. Fallen Angel möchte 43 Kilo wiegen, vielleicht 40 - wenn es ihr "dann noch gut geht".

Dieser Brief Anas kursiert auf den "Pro-Ana"-Seiten im Web und zeigt in voller Brutalität, mit welchen Versprechungen die Magersucht die jungen Frauen lockt und wie sie sie gleichzeitig in ihre Fänge nimmt. Der Brief beschreibt die Charakteristika der Sucht und die Härte, mit der sie das Leben der Betroffenen beeinflusst und letztlich zerstört.

"Erlaubt mir, mich selbst vorzustellen. Meine Name - oder wie mich die sogenannten Ärzte nennen - ist Anorexia. Anorexia Nervosa ist mein voller Name, aber du kannst mich Ana nennen.

Hoffentlich werden wir gute Freunde. In der nächsten Zeit werde ich viel Zeit in dich investieren und ich erwarte genau dasselbe von dir. In der Vergangenheit hast du all deine Lehrer und deine Eltern über dich reden hören. Du bist so 'reif', so 'intelligent', gibst immer alles und in dir steckt so viel Potential.

Und wohin hat es dich gebracht, muss ich dich fragen?! Nirgendwohin! Du bist nicht perfekt, du strengst dich nicht genug an und darüber hinaus verschwendest du deine Zeit mit dem Quatschen mit Freunden und dem Zeichnen! Dieser Luxus wird dir in Zukunft nicht gestattet sein. Deine Freunde verstehen dich nicht. Die sind nicht ehrlich. Früher, als die Unsicherheit an dir genagt hat und du sie gefragt hast: 'Sehe ich... fett aus?' und sie antworteten 'Oh nein, natürlich nicht!' wusstest du, dass sie lügen.

Nur ICH sage dir die Wahrheit. Deine Eltern - lass uns nicht davon reden!! Du weißt, dass sie dich lieben und auf dich achten, aber sie sind deine Eltern und deshalb müssen sie so handeln. Ich erzähl dir jetzt mal ein Geheimnis: Tief in deren Inneren sind sie enttäuscht von dir. Aus ihrer Tochter ist ein fettes, faules Mädchen geworden, das all das, was es hat, nicht verdient hat. Aber ich bin gerade dabei, das zu ändern. Ich erwarte viel von dir. Du darfst nicht mehr viel essen. Ich fange langsam an: Reduzierung der Fettaufnahme, lesen der Nährwertangaben, kein Junk Food mehr und so weiter.

"Ich werde dich an deine Grenzen treiben"

Für ne Weile werden die Aufgaben recht simpel sein. [...] Aber es wird nicht lange dauern, da werd ich dir sagen, dass das nicht genug ist. Ich werde von dir erwarten, die Kalorienzufuhr zu verringern und gleichzeitig Übungen zu machen. Ich werde dich an deine Grenzen treiben. Du musst es ertragen, weil du dich mir nicht widersetzen kannst.

Ich fange an, mich bei dir einzunisten. Schon bald werde ich immer bei dir sein. Ich bin da, wenn du morgens aufwachst und zur Waage rennst. Die Zahlen werden beides - Freund und Feind. Und mit rasenden Gedanken betest du, dass sie niedriger sind als gestern Morgen. Du siehst mit Entsetzen in den Spiegel. du kneifst dir in das Fett, dass da ist und lächelst, wenn du dir über die Knochen streichst. [...]

Die Schmerzen des Hungers, die du vorgibst zu spüren, bin eigentlich ich! Ziemlich bald werde ich dir nicht nur sagen, was du mit Essen machen sollst, sondern auch was du die GANZE Zeit über machen sollst. Lächle und nicke. Zeige dich von deiner guten Seite. Schlage auf diesen fetten Bauch, verdammt; Gott bist du eine fette Kuh!!

"Wenn Du isst, wirst Du die Kontrolle verlieren"

Wenn es Zeit fürs Essen ist, sage ich dir was zu tun ist. [...]Wenn du isst, dann wirst du die Kontrolle verlieren. Willst du das?! Wieder eine fette Kuh werden, wie du einmal warst?! Ich zwinge dich, Models aus Modemagazinen anzustarren. Ich lasse dich erkennen, dass du nie wie sie sein kannst. Du wirst immer fett und nie so schön wie sie sein. Wenn du in den Spiegel blickst, werde ich dir das Bild verzerren. Ich werde dir Fettleibigkeit und Scheußlichkeit zeigen. Ich werde dir einen Sumo-Ringer zeigen, wo in Wirklichkeit ein hungerndes Kind ist. Aber du musst das glauben, denn wenn du die Wahrheit kennen würdest, könntest du wieder anfangen zu essen und unsere Beziehung würde zerbrechen.

Manchmal wirst du rebellieren. Du wirst das kleine rebellierende fieberhafte Gefühl, dass in deinem Körper zurückgeblieben ist, bemerken und Du wirst Dich runter in die dunkle Küche wagen. Die Kühlschranktür wird sich, leise knarrend, langsam öffnen. Deine Augen werden das Essen streifen, das ich in sicherem Abstand von dir aufbewahrt habe. Du wirst deine Hände lethargisch, wie in einem Alptraum, durch die Dunkelheit nach einer Packung Cracker greifen sehen. [...]

"Du fette Kuh, du verdienst es, Schmerzen zu haben"

Und die ganze Zeit schreie ich dich an aufzuhören, du fette Kuh, du hast wirklich keinerlei Selbstkontrolle und wirst immer fetter werden! Wenn es vorbei ist, wirst du dich wieder an mich ranklammern und mich um Rat bitten, weil du nicht fett werden willst. Du hast eine der Hauptregeln gebrochen und willst mich jetzt zurück. Ich zwinge dich ins Badezimmer, auf deine Knie, du starrst ohne Gefühl in die Kloschüssel. Deine Finger werden in Deinen Rachen gesteckt und nicht ohne eine große Menge Schmerz wird dein Essen rauskommen. Wieder und wieder wird das wiederholt, bis du Blut und Wasser spuckst und du weißt, dass alles raus ist. Wenn du aufstehst wird dir schwindelig sein. Werde nicht ohnmächtig! Stehe aufrecht! Du fette Kuh, du verdienst es, Schmerzen zu haben. [...]

Du bist deprimiert, besessen vom Schmerz und dem Verletzen. Du greifst nach außen aber niemand wird dich sehen oder dir zuhören. Wen interessiert es? Du verdienst es, du hast es selbst über dich gebracht! Du willst nicht, dass das mit dir passiert. Bin ich unfair? Ich tue Sachen, die dir helfen. [...] Gedanken der Wut, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Einsamkeit können sich verziehen, denn ich fülle deinen Kopf mit dem Kalorienzählen. Ich vernichte den Kampf, um mit andern Kindern deines Alters Zeit zu verbringen. Denn jetzt bin ich deine einzige Freundin. Ich habe eine Schwäche. Aber wir dürfen keinem davon erzählen.

Wenn Du Dich entscheidest, gegen mich zu kämpfen, jemanden zu erreichen und ihm zu erzählen, was ich aus deinem Leben mache, wird alles zusammenbrechen!! Niemand darf es je erfahren, niemand kann die Schale brechen, mit der ich dich bedeckt habe.

Ich habe dieses dünne, perfekte, beneidenswerte Kind geschaffen. Du bist mein, nur mein. Ohne mich bist du nichts! Also kämpfe nicht gegen mich. Wenn andere Bemerkungen machen, ignoriere sie. Beschleunige Dein Tempo, vergiss sie, vergiss alle, die versuchen mich von dir wegzureißen!

Ich bin dein größter Gewinn und ich habe vor, sie von dir fern zu halten.

Mit freundlichen Grüßen,

Ana"


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